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Frage No 05

05 Verändert die Entwicklung von Wissenschaft und Kunst den Stellenwert von zwischenmenschlichen Beziehungen- von Gemeinwohl bis Freundschaft?

Rousseaus Grundthese: Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden komplizierter und weniger authentisch in dem Masse, in dem die Verfeinerung der Sitten und die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft voranschreiten. Diese These der „Korrumpiertheit“ des Menschen durch Zivilisation zieht sich wie ein Generalbass durch seine Schriften. Allerdings ist sie immer auch mit einer Ambivalenz verbunden: Rousseau weiss sehr wohl, dass die Rückkehr zu einer ursprünglichen Einfachheit nicht möglich ist, und die Anprangerung der „Verderbtheit“ gilt daher in Wirklichkeit der Art und Weise, wie die aktuelle Gesellschaft mit den Errungenschaften ihres Fortschritts umgeht. Und er spricht davon, dass die Kunst und die Philosophie den Menschen geselliger machen. Solche Paradoxien sind typisch für Rousseau.

„Ehe die Kunst unsere Manieren geformt und unseren Leidenschaften die diesen angemessene Sprache gelehrt hatte, waren unsere Sitten rau, aber natürlich. Und die unterschiedlichen Verhaltensweisen ließen auf den ersten Blick den jeweiligen Charakter erkennen. Die menschliche Natur war im Grunde nicht besser. Aber den Menschen gab es Sicherheit, sich ohne Mühe wechselseitig zu durchschauen, und dieser Vorzug, dessen Preis wir nicht mehr zu schätzen wissen, ersparte ihnen manche Laster.“

„Wie beschaulich lebte es sich unter uns, wäre die äußere Haltung stets Abbild der Herzensregungen, Schicklichkeit gleichbedeutend mit Tugend, dienten unsere Maximen uns als Richtschnur, wäre die wahre Philosophie untrennbar mit dem Titel des Philosophen verbunden! Aber so viele treffliche Eigenschaften findet man selten gepaart, und die Tugend kommt kaum in so großem Gepränge daher. Üppiger Schmuck lässt auf einen vermögenden Mann schließen, Eleganz auf einen Mann mit Geschmack; doch einen gesunden, kraftvollen Mann erkennt man anhand anderer Merkmale: Unter dem groben Gewand eines Bauern und nicht unter dem goldbetressten Kleid eines Höflings findet man körperliche Kraft und Vitalität. Der Tugend, die der Seele Kraft und Vitalität darstellt, ist äußerer Schmuck eher fremd. Ein guter Mann ist ein Athlet, der sich darin gefällt, nackt zu kämpfen: Er verschmäht all den nichtswürdigen Zierrat, der dem Gebrauch seiner Kräfte nur hinderlich wäre und größtenteils nur dazu erfunden wurde, etwaige Missbildungen zu verbergen.“

„Der Sturz des Konstantinischen Thrones trug die Überreste des antiken Griechenlands bis nach Italien hinein. Hernach bereicherte sich Frankreich an dieser wertvollen Hinterlassenschaft. Bald folgten die Wissenschaften der Natur auf die Wissenschaft des Geistes; zur Kunst des Schreibens gesellte sich die Kunst des Denkens, eine Stufung die, mag sie auch seltsam erscheinen, vielleicht nur allzu natürlich ist; und man begann, den wesentlichen Vorzug des Umgangs mit den Musen zu begreifen, nämlich den, die Menschen geselliger zu machen, insofern diese ihnen das Verlangen eingaben, einander durch Werke zu gefallen, die ihres gegenseitigen Beifalls würdig sind.“

© 2012 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

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